Bruchstelle Schwelle Übergang – eine Reflektion unserer Herangehensweisen

TRANSFORMATIONEN ist die Bezeichnung für unsere künstlerische Forschungs- und Ausstellungspraxis, bei der wir erkunden, wie sich Orte und die beteiligten Menschen innerlich und äußerlich verändern. Dieser Essay reflektiert unsere Zusammenarbeit seit sieben Jahren und beschreibt essentielle Herangehensweisen.

Dieser Artikel erscheint zuerst im Heft 2/2026 von Kunst und Kirche (Print-Ausgabe und Abo unter https://www.herder.de/kuk/hefte/archiv/2026/2-2026/)

von Anna Schölß und Johannes Hochholzer

Schutzräume – Schutzträume

Diese Kapelle ist ein heiliger Raum. Oder nicht? Zum Thema Shelter – Unsere Schutz(t)räume bespielen wir 2023 die ehemalige Schwesternkapelle im Rahmen unserer Ausstellung TRANSFORMATIONEN das dritte Mal, der Ort an sich ist also nicht neu, sondern vielmehr vertraut. Angelehnt an die Rolle von Klöstern als Schutzräume führen wir die Besucher:innen der Ausstellung im tiefsten Winter zunächst durch Keller und Katakomben, bis sie schließlich eine Treppe nach oben steigen und den Eingang in die Schwesternkapelle vor sich finden. Nachdem verschiedenste Künstler:innen in der Dunkelheit, Stickigkeit und Umschlossenheit der Kellerräume unterschiedliche Aspekte der Schutz(t)räume sichtbar gemacht haben, ersehnen wir in der Konzeption eine Auflösung, ein Ankommen in einem Schutzraum.



MISE EN ABYME – DER SPIEGEL IM SPIEGEL, Videoinstallation, Video-Objekt, 2021

Vanessa Hafenbraedl, Photos: Yorck Dertinger
Im Rahmen von TRANSFORMATIONEN 21 – Vom Kloster zum Cohaus: Künstler:innen interpretieren den Wandel

Im Cohaus Kloster Schlehdorf

Die ehemalige Schwesternkapelle ist der zweitjüngste Teil des ehemaligen Kloster Schlehdorf und wurde 1927 im Westen an das seit 1725 bestehende, von den Augustiner-Chorherren erbaute Kloster angebaut. Sie diente über die Jahrzehnte als Versammlungsort der Missionsdominikanerinnen. Initiiert durch die Genossenschaft WOGENO München besteht im Cohaus Kloster Schlehdorf seit 2018 ein gemeinschaftlicher Ort zum Wohnen, Leben und Arbeiten. Die zukünftige Belebung und Verwendung der Kapelle ist noch offen, und damit ist der Raum zum Zeitpunkt der Ausstellung zwar nicht mehr sakral genutzt, jedoch noch nicht profaniert. Gleichzeitig sind wir uns der Ambivalenz des Raums bewusst: viele Menschen fühlen sich in der sakralen Architektur geborgen, gleichzeitig kann der Ort triggerartig Betroffene an Verletzungen und Übergriffe durch die Katholische Kirche erinnern. Zunächst drängt sich die Idee auf, dass wir durch einen architektonischen Eingriff in Form eines Einbaus einen temporären Schutzraum in der Kapelle schaffen müssen. Eine erste Skizze mit dem Titel NAVE beschreibt eine ovale, begehbare Plattform in Höhe von ungefähr 1,50 Meter, die durch ein Geländer und Sitzbänke begrenzt ist und so die chorische Struktur der Kirchenbänke aufbricht und Begegnung im Kreis ermöglicht.

Die Wunde der Schwesternkapelle

Die Förderanträge für den Einbau werden abgelehnt und wenige Monate vor der Eröffnung stehen wir konzeptionell wieder am Anfang. Langsam keimt in uns der Gedanke, dass wir die Kapelle als Schutzraum nicht heilen können, sondern viel mehr den sensiblen Übergangszustand in seiner Verletzlichkeit als Wunde und Bruchstelle aufzeigen wollen.

Am 26. August 2023 verwüstet ein schwerer Hagelsturm in wenigen Minuten das benachbarte Kloster Benediktbeuern, in der Schwesternkapelle und in der Pfarrkirche werden „lediglich“ zahlreiche Fenster zerstört. Wie können wir die Kapelle für die Ausstellung im Winter verwenden, wenn die Fenster beschädigt sind und der Raum nicht beheizbar ist? Anna Schölß greift diese Krisensituation in ihrer Arbeit 26.8. ~ progressing auf und fügt den zerbrochenen Scheiben weitere bemalte Ebenen aus Acrylglas hinzu. Die malerische Intervention transformiert Form und Atmosphäre der Glassplitter zu abstrakten kristallinen Gebilden. Die Gläser bilden eine schützende Schicht vor den Witterungseinflüssen und herabfallenden Scherben, erzeugen neue Lichtstimmungen und bilden somit einen temporären praktischen sowie ästhetischen Schutzraum. Nun füllt sich der Raum schrittweise:, Wir erhalten vom Franz Marc- Museum eine Leihgabe des Faksimiles von Franz Marcs „Skizzenbuch aus dem Felde“ (1914-1916), die wir zusammen mit Museumsdirektorin Cathrin Klingsöhr-Leroy im Dialog mit den Bildern des Kreuzwegs hängen, welche einige Jahre später von der Schlehdorfer Schwester Sr. Constantia Feuerstein OP im Nazarener-Stil um 1927 gemalt wurden, und, anders wie Marc, einen Rückgriff auf ein früheres Kunstverständnis suchen. Marcs Zuflucht als Soldat im Ersten Weltkrieg war das Zeichnen, ein innerer Schutzraum, in dem Krieg und Zerstörung sich in Neuschöpfung verwandelten, bis kurz vor seinem Tod 1916 vor Verdun. Der Raumeindruck der Kapelle wird mit zwei weiteren Installationen abgerundet: Janina Totzauer projiziert für Red River auf zwei riesigen, den kirchlichen Prozessionsfahnen nachempfundenen Flaggen einen Videoloop, in dem das Blutopfer einer Kaktee zu sehen ist. Johannes Hochholzer füllt mit Zwischen(t)raum die Fehlstelle zwischen historischer Kapellentür und neuer Brandschutztür mit einer schimmernden, sich wölbenden und spitz in den Raum entfalteten Oberfläche.

Präsenz an der Schwelle

In allen TRANSFORMATIONEN, in denen wir die Schwesternkapelle bespielen, begleitet uns auch die Irritation von Dorfbewohner:innen, die mit diesem Raum persönliche Geschichten verbinden und sich oft eine Erhaltung im Ursprungszustand wünschen. Die ehemalige Schulleiterin und Prokurin der Missionsdominikanerinnen, Schwester Josefa, beschreibt ihr Erleben des Kapellenschutzraumes anders:

„Ihr habt der Schwesternkapelle ihre Würde zurückgegeben.“

Ein atheistischer Künstler betritt die Kapelle und ist so überrascht vom Raumeindruck und den progressiven künstlerischen Interventionen, dass er uns anbietet zur Finissage ein Konzert zu spielen. Ein anderer Besucher wiederum kritisiert, dass es uns nicht gelungen ist, auch die Gewalt und Ohnmacht von Missbrauch in der Katholischen Kirche angemessen zu thematisieren. Über die Arbeitsjahre mit den TRANSFORMATIONEN haben wir vor allem über unsere eigene Rolle dazugelernt: Die zeitgenössische Kunst kann Perspektiven schaffen und Unbenanntes aufzeigen, die Verantwortung für eine praktische Umsetzung der anstehenden Veränderung des Ortes an sich können wir nicht übernehmen. Das brachte Schwester Josefa bereits am Anfang unserer Ausstellungsreihe auf den Punkt:

„Künstler:innen waren schon immer visionäre Seismographen für Krisensituationen, aus deren Bewegung Neues entsteht.“

Wir verstehen uns als wachsame Impulsgebende und schaffen Versuchsanordnungen, die mithilfe von künstlerischer Praxis ein Bewusstsein für die Schwellen leistet, Begrenzungen erweitert und manchmal sogar auflösen kann. Diese daraus entstehenden kleinen und großen neuen Räume schaffen Bewegungsfreiheit für die Akteur:innen vor Ort und motivieren nachhaltig zur Eigeninitiative.

26.8. ~ progressing, Acryl und Sprühlack auf Acrylglas, 2023

Anna Schölß, Photo: Magdalena Jooss
Im Rahmen von TRANSFORMATIONEN 23 – Shelter: Unsere Schutz(t)räume

Red River, Videoinstallation, je 4K Video Loop, Stoff, Rückprojektionsfolie, 2023

Janina Totzauer, Photo: Magdalena Jooss


Beziehungsarbeit

In der Beschäftigung mit dem Klostergebäude und der Schwesternkapelle erhalten wir mehrfach Vorschläge von Künstler:innen, die ungeachtet ihrer künstlerischen Qualität aus unserer Perspektive die Würde der Räume nicht respektieren. Mal äußert sich dies in einer großen Wut auf kirchliche Institutionen oder auch in einer fehlenden Wertschätzung für die Missionsdominikanerinnen, die weiterhin in einem Neubau neben dem Cohaus Kloster Schlehdorf leben und durch ihre Offenheit die Umnutzung des Gebäudes und auch die künstlerische Arbeit der TRANSFORMATIONEN an vielen Stellen erst möglich gemacht haben.

In der Kuration fällt also die Entscheidung für ein ‚In-Beziehung-bleiben‘, was auch das Ansprechen von unangenehmen Themen in alle Richtungen (Akteur:innen vor Ort, Künstler:innen etc.) einschließt. Wir merken, dass diese Form des Arbeitens nicht bei allen Künstler:innen auf Offenheit und Bereitschaft stößt, sei es durch einen persönlichen Fokus oder eine stark auf den Kunstmarkt ausgerichtete Leistungsorientierung. Dementsprechend haben sich unsere Anforderungen an die Zusammenarbeit mit Künstler:innen geschärft und gleichzeitig ist es unser Wunsch, die Rahmenbedingungen in weiteren Projekten dafür zu schaffen, damit diese Beziehungsarbeit ungeachtet von Privilegien möglich wird.

Für uns steht dieses Beziehungsgeflecht mit den Akteur:innen vor Ort im Zentrum, denn erst die Qualität der entstandenen Verbindungen bedingt eine angemessene und hochwertige künstlerische Gestaltung, auch wenn dieser Teil der (Care-)Arbeit für viele Besucher:innen im Hintergrund bleibt. Wir arbeiten also im ‚Speed of Trust‘: Wir haben erkannt, dass wir eine gewisse Ruhe und Langsamkeit brauchen, um etablierte Strukturen aufweichen zu können und gleichzeitig die Würde der Menschen und Orte zu respektieren.

Einmaliger Übergangszustand

Ein Beispiel für diese Qualität ist die Zusammenarbeit mit Stephanie Müller und Klaus Erika Dietl (Mediendienst Leistungshölle), die sich in einem behutsamen Annäherungsprozess mit den Missionsdominikanerinnen Sr. Josefa, Sr. Nicol und Sr. Suzànne begeben. Als Teil der Eröffnung zum Jahresthema Care – Eine künstlerische Auseinandersetzung über den Wert und Wertewandel der Fürsorge im Juli 2022 zeigen sie gemeinsam die Performance Klangkörper in der ehemaligen Schwesternkapelle. Im Zentrum stehen Alltagsgeräusche in ihrem alten und neuen Kloster und die Sounds beim Backen eines Brots. Sr. Josefa wirft einen genauen Blick mit dem Kameraauge auf die Tätigkeiten zu Tische, das Aufgezeichnete wird live projiziert. Eine Fortsetzung für die Ausstellung im nächsten Jahr wird durch gesundheitliche Einschränkungen der Schwestern nach kurzer Probenzeit abgesagt, die Performance zeigt also einen einmaligen Übergangszustand.

Die Verbindung zu den Schwestern ist auch Teil der künstlerischen Arbeit von Martin Schuster, als er für seinen Beitrag Care for Jesus von zwei Kruzifixen aus dem Klosterbestand die aus Holz geschnitzten Leichname Jesu abnimmt und fürsorglich in Heu bettet. Die plötzlichen Leerstellen, an denen nur noch der Kreuzesschatten durch Ruß und Staub an der Wand zu sehen ist, werden von Bewohner:innen des Hauses und Schwestern gleichermaßen betrauert und begrüßt. Im Rahmenprogramm der Ausstellung kommen zum Thema Das Kreuz mit dem Kreuz Künstler:innen, Philosoph:innen, Missionsdominikanerinnen und Besucher:innen in den Dialog über den Umgang mit den verbliebenen klösterlichen Objekten.

Eröffnungsperformance Klangkörper, 2022

Sr. Josefa, Sr. Nicol, Sr. Suzànne, Klaus Erika Dietl, Stephanie Müller, Photo: Asja Schubert
Im Rahmen von TRANSFORMATIONEN 22 – CARE: Eine künstlerische Auseinandersetzung über den Wert und Wertewandel der Fürsorge

im Hintergrund:

Care for Jesus, Abgenommener Leichnam eines Kruzifix, Heu, 2022

Martin Schuster, Photo: Asja Schubert

Der Prozess bekommt Raum und wird sichtbar

Die TRANSFORMATIONEN wären nicht die TRANSFORMATIONEN, würden sie sich nicht selbst weiterentwickeln. TRANSFORMATIONEN ist also (endlich) kein reines Ausstellungsformat mehr, sondern künstlerische Forschungspraxis, bei der wir erkunden, wie sich Orte und die beteiligten Menschen innerlich und äußerlich verändern. Und so sind wir 2024 in den Nachbarort Kochel am See gewechselt, der aktuell im Ortskern von Leerstand und Durchgangsverkehr geprägt ist. Ausgangspunkt war die Einladung der Familie Heinritzi mit den Wunsch nach einem mutigen und visionären Beitrag, um in ihrem Wohnort den Nährboden für ein lebendiges kulturelles Miteinander zu stärken. Für ein halbes Jahr transformieren wir das leerstehende Café Erika. Unser Anliegen ist dabei, dass wir den Raum als WERKSTATT FÜR TRANSFORMATIONEN nutzen, also dem bisher unsichtbaren Prozess eine Bühne geben: Eingeladene Künstler:innen arbeiten vor Ort, eine Mischung aus bestehenden Arbeiten und neuen Werken im Entstehungsprozess verändert sich stetig. Wir üben uns in Akzeptanz und Präsentation des Unfertigen. Innerhalb des halben Jahres entwickelt sich der Ort zu einem lebendigen Treffpunkt für Menschen, die bereits vor Ort aktiv sind. Die letzte Arbeitsphase wird sogar durch Unterstützung des Bürgermeisters von der Gemeinde gefördert. In diesem Austausch zeigt sich eine besondere Schnittstelle zwischen Politik und Kunst. Mit der Freiheit der Kunst können wir einige Schritte gehen, die im politischen Kontext herausfordernd sind und gleichzeitig als Inspirationsquelle für mehr Innovation dienen können. Innerhalb des Projekts ergaben sich neue Verknüpfungen zwischen regionalen und überregionalen Künstler:innen, Kulturschaffenden und interessierten Einheimischen und so feiern wir an Erntedank den Abschluss unserer Zwischennutzung und freuen uns mit der umliegenden Nachbarschaft über Downtown Kochel.

Passage Kochel, Performance: Klangwanderung mit Alphorn, Blaskapelle, Zither, Schauspielerin und Fahnenträgerin, 21. September 2024

Georg Glasl, Ruth Geiersberger, Ergül Cengiz, Blaskapelle Kochel und Museum Schusterhaus, Photo: Markus Kunas
Im Rahmen von WERKSTATT FÜR TRANSFORMATIONEN 2024

Fundamentale Leichtigkeit, Cut-Outs aus Baufolie, 2024

Ergül Cengiz, Photo: Bernd Ritschel

Aufbruch

2025 verschafft uns mit ausbleibenden Förderungen eine Pause. Wir nutzen die Zeit zur Vertiefung und arbeiten intern an einem Jahresthema weiter. Nach den Erfahrungen im sakralen und ländlichen Kontext führt uns unsere Arbeit 2026 erstmalig in den musealen Kontext. Wir gehen auf Einladung des Museum Fürstenfeldbruck anlässlich des 35-jährigen Jubiläums auf die Suche nach musealen Wandlungsprozessen. Die Ausstellung wird im November 2026 eröffnet. Haben wir die sakralen Räume endgültig verlassen? Auf keinen Fall! Durch unseren Fokus auf ländliche Räume ist uns die sakrale Aufladung von Orten und Alltagsgegenständen außerhalb kirchlicher Räume sehr bewusst. Unsere Aufgabe ist es, mit zeitgenössischer Kunst Lust auf Veränderung zu machen – und das ist uns wirklich heilig.

Über uns

TRANSFORMATIONEN entstand aus den umfassenden Transformationsprozessen, die durch die Neunutzung des Kloster Schlehdorf angestoßen werden. Ursprung war die Initiative von Anna Schölß, die als Künstlerin eine der ersten Ateliernutzer:innen 2018 im Cohaus Kloster Schlehdorf war. Die Faszination an der Vielschichtigkeit der Prozesse, die durch die Umnutzung des Klostergebäudes in Gang gebracht werden, welche auch in gewisser Weise Tendenzen des aktuellen Zeitgeschehens abbilden, hat sie dazu veranlasst, als Kuratorin die Ausstellung TRANSFORMATIONEN ins Leben zu rufen. Über die Jahre hinweg hat sich die Zusammenarbeit mit Johannes Hochholzer verstetigt, der zum damaligen Zeitpunkt als Geschäftsführer die Umnutzung des ehemaligen Klosters als Ort zum Wohnen, Arbeiten und Lernen maßgeblich gestaltete. Das jeweilige Jahresthema stellt einen Begriff in den Mittelpunkt, der stellvertretend für einen Bereich steht, der sich gerade im Wandel und Umbruch befindet. Ausgewählte regionale, überregionale und internationale Künstler:innen zeigen ihre Perspektive auf das jeweilige Thema. TRANSFORMATIONEN hebt die Chance hervor, die sich in den Bruchstellen und Nicht-Orten verbirgt und zeigt mit künstlerischen Mitteln behutsam verschiedene Wege auf, um den verborgenen Wert dieser Orte und Themen neu zu entdecken.